Apr 30

Noch haben die wenigsten Unternehmungen in der Schweiz einen. Noch. Denn bald wird der Social Media Newsroom den klassischen News- und Pressebereich auf den Firmen-Websites ablösen. Hoffentlich.

Journalisten filtern und selektionieren täglich aus einem schier endlosen Fluss an Informationen. Ihre ureigenste Aufgabe: für die Rezipienten die Infos aufzubereiten und nach deren Relevanz zu gewichten. Bis anhin hat der Journi entschieden, welche Kriterien ein Ereignis erfüllen muss, damit es zur Nachricht wird. Der Distributionsweg war klar: Die Informationen fliessen unilateral oft vom PR-Verantwortlichen einer Unternehmung zum Journalisten, der sie dann im Idealfall weiter verbreitet. So war es bis anhin.

Und auch so gut wie alle Medienbereiche auf den Websites von renommierten Unternehmen präsentieren sich meist noch immer klassisch: Pressemitteilung-Archiv. Bilddatenbank. Vielleicht noch ein paar Image-Filmchen. So war es bis anhin.

Realität 2.0
Die Zeiten, in denen sich die Medienkonsumenten nur noch über klassische Medienkanäle informieren, sind vorbei. Aber so richtig. Und: der sich in der Realität 2.0 bewegende Rezipient akzeptiert kaum noch das Rollenselbstverständnis des Journalisten in seiner „Gatekeeper-Funktion“. Die neue Medienwelt ist interaktiv und kollaborativ. Der Informationsfluss wird multilateral. Die User erschliessen sich die Informationen heutzutage selbständig beispielsweise über Suchmaschinen. Die so genannten nutzergenerierten Inhalte von Bloggern, Fotografen und Co. haben extrem an Gewicht dazu gewonnen. Zudem sorgen diese vernetzten Inhalte für eine rapide Verbreitung ausserhalb der journalistischen Mainstream-Medien. Dementsprechend ist es nun dringend an der Zeit, auf diese Entwicklungen zu reagieren. Der Social Media Newsroom ist das Wort der Stunde.

Multi Media und Social Media
Erfunden wurde der Social Media Newsroom vom Amerikaner Todd Defren. Er ist PR-Berater bei Shift-Communications. Defren beschreibt die aktuellen Veränderungen wie folgt:
„Bevor es das Internet gab, hatten PR-Verantwortliche 50 Medienkontakte, die sie regelmässig mit journalistisch aufbereiteten Informationen versorgten. Seit Social Media und Web 2.0 müssen PR-Verantwortliche zusätzlich eine direkte Beziehung zu den Medienkonsumenten aufbauen und sie mit Informationen ansprechen, weil diese jetzt selbst mediale Inhalte herstellen und publizieren“.

Wie wahr. Wie wahr. Doch welche Faktoren kennzeichnen denn nun einen Social Media Newsroom?
Also: Ein Social Media Newsroom richtet sich nicht nur an Journalisten. Er ist offen für alle. Die Informationen stehen folglich allen Multiplikatoren zur freien Verfügung. Sperrfristen von internen Meldungen gehören der Vergangenheit an. Die Ansprechpartner der Unternehmung sind leicht und jederzeit unkompliziert erreichbar. Will heissen: per E-Mail, Facebook, Twitter, Telefon oder Skype. Als Plattformen werden im Social Media Newsroom grundsätzlich Weblogs, Podcasts, Twitter, Facebook, LinkedIn, Xing, Flickr, Youtube, Scribd oder Slideshare benutzt.

Auch die Medienmitteilung 2.0 ist nicht mehr nach journalistischen Kriterien verfasst. Zwar bleiben Merkmale wie Titel oder Lead bestehen. Der Text aber setzt sich aus reduzierten und knappen Fakten zusammen. Analog dazu werden dem User Bilder, Audio-Dateien, Videos, PowerPoint-Präsis oder Info-Grafiken zur Verfügung gestellt. Zudem sollte eine so genannte Tag-Cloud die Stickwortsuche im Social Media Newsroom vereinfachen. Trotzdem sollte an dieser Stelle unbedingt festgehalten werden, dass die Pressemitteilung 2.0 die Pressemitteilung 1.0 keinesfalls ersetzen, sondern künftig lediglich ergänzen sollte. (vgl: www.krusenstern.ch)

Ein musterhaftes und nachahmungswürdiges Beispiel ist zudem der Media News Room der Website www.maiak.info. Noch sind die Social Media Newsrooms von Schweizer Unternehmungen an einer Hand abzählbar. Noch. Wie viel Zeit effektiv ins Land streichen wird, bis die Kommunikationsabteilungen hierzulande von 1.0 auf 2.0 umgedacht haben, wird sich zeigen.

Und was glaubt ihr, wird sich der Social Media Newsroom auch in der Schweiz durchsetzen? Und macht er aus Eurer Sicht auch Sinn?

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Mrz 19

Bei Journalisten längst bekannt und von Regierungen meist gehasst: Wikileaks. Auf der Whistleblower-Website können geheime Dokumente brisanten Inhalts veröffentlicht werden. Anonym. Da lassen Rechtsstreitigkeiten nicht lange auf sich warten.

Früher, ja früher wurde er noch in vielen Redaktionen gelebt. Der investigative Journalismus. Bei demselben handelt es sich um eine Journalismus-Konzeption – also eine besondere Form des Journalismus. Er bezeichnet eine intensive, aktive Form der Recherche, die sich als hart an der Grenze des Erlaubten verfahrende, gegen den Geheimhaltungswillen Beteiligter gerichtete aufdeckende Recherche zuweilen kriminalistischer Methoden bedient. Es geht darum, Missstände in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die Verstösse gegen die öffentliche Moral oder Ausdruck von illegalem Handeln sein können, aufzudecken (vgl Lorenz 2002: 90).

So weit so gut. Doch: investigativer Journalismus braucht Zeit. Und Zeit ist Geld. Und davon haben die Medienhäuser ja bekanntlich wenig. Ergo: der investigative Journalismus verschwindet immer mehr von der Bildfläche. Und an genau dieser Stelle kommt nun die noch relativ junge Internetseite Wikileaks ins Spiel.

Geheimhaltungspflichten nicht verletzt
Auf der 2006 gegründeten Internetplattform Wikileaks kann jeder und jede anonym Dokumente veröffentlichen. Idealerweise brisante, geheime Dokumente von grossem öffentlichen Interesse. Das können interne Unterlagen aus Unternehmen sein, die Korruption oder Schikanen belegen. Oder unter Verschluss gehaltene Strategiepapiere aus der Politik, Militärhandbücher, Polizeiberichte, Regierungsberichte oder gar private E-Mails. Sortiert wird bei Wikileaks nicht. Was angeliefert wird, geht auch online. Verifiziert und geprüft wird lediglich, ob es sich um ein echtes Dokument handelt.

Immer mehr bedienen sich nun eben Journalisten dieses Materials. Auf diese Art und Weise können oft Schwächen nationaler Pressegesetze umgangen werden. Denn wenn etwas im Netz bereits publiziert ist, kann ein Bericht darüber nicht mehr als Verstoss gegen Geheimhaltungspflichten gelten. Mit Wikileaks formiert sich der investigative Journalismus also neu. Der Journi muss die bereits online publizierten Informationen nur noch richtig gewichten und vor der Publikation im eigenen Medium über deren Relevanz und das öffentliche Interesse der Dokumente entscheiden.

Denunzianten werden geschützt
Bisher sorgen die Wikileaks-Betreiber effektiv dafür, Denunzianten zu schützen. So garantiert die Seite jedem Informationen-Zuträger Anonymität. Dies, indem sie unter anderem den Kommunikationsverkehr mit kryprografischen Werzeuge wie OpenSSL, FreeNet, TOR und PGP schützen. Die Konsequenz: Wikileaks bleiben Rechtsstreitigkeiten nicht erspart. Und so sehen sich die Betreiber immer wieder mit juristischen Schritten und Androhungen konfrontiert. Verloren hat Wikileaks bis anhin aber noch kein einziges Verfahren. Die sogenannten Whistleblower – also «Geheimnisverräter» – müssen sich also keine Sorgen machen.

Bei jeder Publikation von Wikileaks bleibt die Frage offen, ob diese jemandem schadet oder gerechtfertigt ist. Letztlich ist es dem Ethik-Empfinden jedes einzelnen Journalisten überlassen, was er mit den zur publizierenden Informationen auf Wikileaks anstellt.
Doch was ist Ethik im Journalismus? Nun ist Ethik nicht die Moral selbst, sondern die Reflexion über die Moral, die Moral im Journalismus also. Und es ist die Selbstbindung des journalistischen Berufes und damit eine Steuerungsressource – neben dem Markt und dem Recht. Es bleibt also zu hoffen, dass Journalisten aus dem beruflichen Selbstverständnis heraus, eine Plattform wie Wikileaks auch künftig nicht missbrauchen und ihren Beruf mit der adäquaten Verantwortung ausüben – eben ganz im Interesse der Öffentlichkeit.

Und was glaubt ihr, Journis und Nicht-Journis dieser Erde? Braucht es eine Online-Plattform wie Wikileaks, um Missstände welcher Art auch immer, aufzudecken und in die Öffentlichkeit zu bringen? Oder sind die Privatsphäre und der Datenschutz höher zu gewichten?

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Apr 16

maz-diplomfeierOld School Journalisten scheitern an ihrem Ego – nicht an neuen Inhaltsformen. Ihre Überforderung zu verstehen fällt mir wesentlich einfacher als verzweifelte Versuche, neue Medienformen zu diskreditieren.

Das Problem fängt schon beim “Printler” an
Sobald sich ein angehender Journi als “Printler” sieht, ist ein innerer Zug abgefahren. Der “Printler” bindet sich an die Output-Form “Print” und versteht dann nicht, weshalb seine Ausbildung Kurse wie “Multimedia” beinhalten soll. Dabei wäre seine zu erlernende Kunst das Schreiben, nicht das Printen. Ein Schreibjournalist hätte im Gegensatz zum Printjourni kein Problem damit, für andere Formen von Medien zu kreieren als für Papier.

Form und Inhalt nicht verwechseln
An der Diplomfeier des MAZ Luzern (Foto) kritisierte Patrick Müller (Chefredaktor des Sonntag) zu Recht, dass Multimedia-Kurse am MAZ obligatorisch gemacht werden mussten, weil sie sonst nicht besucht würden. Seine spätere Aussage “Blogs sind nicht Journalismus” erstaunte mich dann – hier verwechselte er Form und Inhalt.

Natürlich haben viele Blogs keinen journalistischen Anspruch. Dem gegenüber stehen aber äusserst schlecht recherchierte Artikel in klassischen Medien – oft in der Rubrik “Digital” (oder fällt es mir dort nur eher auf?) – wie der heutige Artikel im Tagesanzeiger, der behauptet, soziale Netzwerke würden die menschliche Moral auslöschen, könnten Krebs verursachen und würden regelmässig Kinder ins All entführen.

Online ist nicht immer gehetzter
An der erwähnten Diplomfeier kam auch die Äusserung: “im flüchtigen Medium Internet wird offenbar flüchtig gearbeitet”. Dabei vergessen wurden die zahlreichen Fachblogs und Websites, die viel seltener Artikel veröffentlichen als eine Tageszeitung – dafür mit Hintergrundinformationen und begleitenden Quellenlinks und Medien, die eine Vertiefung des Themas unterstützen. Das Publikum fordert zu Recht mehr als Papier bieten kann.

Quintessenz: Wakey, wakey – rise and shine!
Printjournis, werdet Schreibjournalisten. Lotet die neuen Möglichkeiten des Internets mit Offenheit aus und lasst diese panischen Verwechslungen von Form und Inhalt bleiben. Ihr stoppt damit nichts. Die Medienwelt ist anders geworden, es stehen Katzenblogs neben Hintergrundblogs, Newsportalen und den bösen, sozialen Netzwerken. Ist jetzt halt so. Ein spannendes Gemisch, in dem sauber recherchierende Journalisten durchaus einen wichtigen Platz einnehmen könnten – wenn sie das nur endlich auch wollen würden.

Ich bin mit einer MAZ-Absolventin Fachrichtung TV verheiratet, die am MAZ (ausser in den oberflächlichen Multimedia-Kursen) viel Gutes lernte und die Ausbildung weiterempfiehlt. Diesen Artikel beziehe ich gezielt aufs Thema “Journis und die neuen Medien”. Wie erlebt ihr das? Habt ihr weitere Beispiele? Gut bewegt sich Blick am Abend in Twitter.

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